Rede von Angelika Claußen (IPPNW)

Ich möchte heute zwei Themen in den Vordergrund stellen:

1. Die gesundheitliche Perspektive und der fehlende Katastrophenschutz
2. Der fehlende Wille in der EU, endlich eine konkreten Fahrplan zum europaweiten Ausstieg aus der Atomenergie zu beschließen

Katastrophenschutz:

Weder für das AKW Lingen noch für das niedersächsische AKW Grohnde gibt es einen wirksamen Katastrophenschutz.
Die Strahlenschutzkommission hatte in ihren neuen Richtlinien vorgegeben, dass bei einem Kernschmelz – Unfall mit entsprechenden radiologischen Ausbreitungen eine Evakuierung aus dem betroffenen Sperrgebiet innerhalb von 48 Std. erfolgen sollte und aus der 20 km – Zone sogar innerhalb 24 Std vollzogen sein muss. Eine Vorbereitung auf derartige Evakuierungsmaßnahmen durch die Behörden ist aber bisher weder vom Landkreis Emsland noch vom Landkreis Hameln –Bad-Pyrmont in die Planung aufgenommen worden. Eine Vorbereitung und Ausbildung der zuständigen Feuerwehrleute fehlt. Die zuständigen BusfahrerInnen wurden nicht informiert.
Das gleiche gilt übrigens ebenso für uns Ärzte und Ärztinnen, die wir im Falle einer Atomkatastrophe plötzlich alle zu Strahlenschutzfachleuten werden sollen. Das sind wir aber nicht und das ist auch in der Realität des normalen medizinischen Alltags nicht möglich. Wir Ärzte wären ebenso völlig überfordert, weil die meisten von uns Ärzten die Strahlenschutzrichtlinien nicht präsent im Kopfe haben, denn wir brauchen sie nicht für den normalen medizinischen Alltag.
Auch in Bezug auf Atomkatstrophen in den grenznahen maroden Schrottmeilern von Tihange und Doel, von Fessenheim, Cattenom und Beznau gibt es keinen wirksamen Katastrophenschutz!
Wenn also der Katastrophenschutz nicht möglich ist, dann müssen das AKW Lingen und das AKW Grohnde vom Netz, dann müssen die maroden AKWs in Belgien, Frankreich und der Schweiz ebenfalls sofort vom Netz. Wir wollen nicht auf die nächste mögliche Atomkatastrophe hier in Deutschland und in Europa warten.

Fahrplan für einen europaweiten Ausstieg aus der Atomenergie:

Warum gibt es bisher keinen solchen konkreten Plan für einen zügigen Atomausstieg in Europa? Welche Kräfte sind die Verweigerer und Blockierer eines Atomausstiegs?
Meines Erachtens sind die hartnäckigsten Verweigerer die Atomwaffenstaaten Frankreich und Großbritannien, beide Staaten verstecken ihre immensen Kosten für ihr Atomwaffenprogramm in den staatlichen Programmen zur zivilen Nutzung der Atomenergie. Wir dürfen diese Tatsache, dass die Atomwaffen und die Atomenergie zwei Seiten ein- und derselben Medaille nicht länger aus unserem Kampf ausblenden!
Wir fordern, dass die europäischen Staaten aus der zivilen Nutzung der Atomenergie ausstiegen und gleichermaßen dem Atomwaffenverbotsvertrag beitreten.
Die Atomwaffenstaaten und die NATO –Staaten wissen ganz genau, dass sie den Verbotsvertrag und sein In-Kraft-Treten nicht verhindern können. Atomwaffen und Atomenergie sind inakzeptabel für das Leben und die Gesundheit von uns Menschen! Atomausstieg europaweit, den Atomwaffenverbotsvertrag unterschreiben! Das fordern wir von unseren Regierungen!

Dr. med. Angelika Claußen, Europavorsitzende der IPPNW

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